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Wie man zum "Erwachsenen Kind" wird

"Erwachsene Kinder" sind Menschen, die in ihrer Kindheit Überlebensmechanismen entwickeln mussten, um ihr Leben in einem dysfunktionalen Familiensystem zu bewältigen. Sie waren sehr früh gezwugen, ihr Kindsein aufzugeben und sich wie kleine Erwachsene zu verhalten. Sie waren gezwugen, ihre seelischen Bedürfnisse und Schmerzen zu verleugnen oder abzuspalten um die Bedürfnisse der Eltern zu erfüllen.

Viele Menschen, die in co-abhängigen Familien herangewachsen sind, finden sich in beruflichen und privaten Beziehungen wieder, die jenen aus der Kindheit verblüffend ähneln. Unbewusst re-inszenieren wir das uns vertraute Muster immer wieder. Wir befinden uns in einem sogenannten „Teufelskreis“, aus dem wir schwer alleine den Ausweg finden. Wir nehmen uns vor: „Das nächste Mal (beim nächsten Mann/Frau, bei der nächsten Arbeitsstelle, etc…) mache ich es ganz anders…“ und verzweifeln darüber, dass wir immer wieder in jene, oftmals zwanghaften Verhaltensmechanismen abrutschen, die wir eigentlich gar nicht wollen. Es ist, als ob wir immer wieder mit dem gleichen Verhalten ein anderes Ergebnis erzielen wollen

 

So werden wir zum Beispiel immer wieder verlassen oder verlassen Menschen. Oder wir werden nach Konflikten und seelischen Verletzungen gekündigt oder kündigen selbst. Wir beenden Beziehungen oder unser Gegenüber tut das. Da wir Konflikte (die in zwischenmenschlichen Beziehungen einfach dazugehören) nicht aushalten, geschweige denn außerstande sind, eine angemessene Lösung zu fokussieren, agieren, respektive reagieren wir meistens mit Beziehungsabbruch. Solche Begebenheiten - und vieles andere – triggert* immer wieder unsere Uralt-Wunde.

 

Erinnert Dich das an Deine Erfahrungen in der Kindheit?

 

*to trigger (engl.); wörtlich übersetzt bedeutet das: „auslösen“. Im übertragenen Sinne ist damit gemeint, dass bei Menschen, die (sehr oft in vorsprachlicher Zeit) traumatische Erfahrungen gemacht haben (ganz gleich, welcher Art), genau diese Situation durch gewisse Reize wieder unmittelbar gegenwärtig sein kann. Dazu genügt tatsächlich ein bestimmtes Geräusch, ein Geruch, eine Farbe, ein visueller Eindruck, um sofort wieder „im Schmerz“ zu sein.

 

Emotionale Vernachlässigung

Emotionale Vernachlässigung und emotionales Verlassen-Sein ist ein typisches Merkmal in co-abhängigen Familienkonstellationen. Einer – im schlimmsten Falle beide Elternteile – sind für das Kind emotional nicht verfügbar. Sie sind manchmal noch nicht einmal in der Lage, auf die existentiellen Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen. Vereinfacht ausgedrückt deshalb, weil beide aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte und selbst erlittenen Verletzungen in Überlebensmechanismen (die bis zur Sucht gehen) agieren und funktionieren.

 

Die Traumatisierung der Eltern verhindert, sich in jener Weise auf ihr Kind einzulassen, wo es sich geborgen und geschützt fühlt und seelisch stabil gedeihen kann. Ließen sie sich nämlich ein, kämen sie mit ihren eigenen, inneren kindlichen, traumatisierten Anteilen in Berührung. Und da der eigene Schmerz nicht ausgehalten werden kann, wird dieser auf der unbewussten Ebene mit allen Mitteln vermieden.

 

So bleiben wir als ganz Kleine, oft schon als Ungeborene ohne die Liebe und Zuwendung, die wir zu einem gesunden Wachstum und psychischer Integrität dringend brauchen. Diese emotionale – im schlimmsten Falle auch körperliche -- Vernachlässigung, ist für uns als Babys und Kinder lebensbedrohlich. Und diese Lebensbedrohung (auch wenn sie „nur gefühlt“ sei), ist sehr ernst zu nehmen.

 

Verglichen mit allen Säugetieren, ist der Mensch prinzipiell eine „Frühgeburt“; die Schwangerschaft müsste noch zwei weitere Jahre andauern, ehe der kleine Mensch in der Lage ist, zu stehen, zu gehen und eigenständig Nahrung aufzunehmen. Ein neugeborenes Kälbchen steht bald nach der Geburt auf und findet seinen Weg zur mütterlichen Milchquelle. Ein neugeborener Mensch ist völlig hilflos und abhängig von seiner Mutter. Wenn diese sich von dem Kind abwendet, kommt das – biologisch gesehen – einem Todesurteil gleich. Genau das Gleiche fühlt ein Kind, wenn der emotionale Kontakt mangelhaft ist oder ihm verweigert wird.

 

Traumatisierung

Wir erlebten diese Vernachlässigung als so existentiell bedrohend und überwältigend und waren in diesen Momenten vollständig hilflos und ohnmächtig der Situation ausgeliefert. Um das zu überleben, erfolgte als seelischer Hilfsmechanismus eine innere Abspaltung. Wir spalten den Ursprungsschmerz und die Gefühle zu diesem Schmerz ab. Wir spüren nicht mehr und verleugnen bestimmte Emotionen bis auf Weiteres. Dadurch befinden wir uns nach der Spaltung wie „in Sicherheit“. Um in dieser Überwältigung nicht sterben zu müssen blieb die Abspaltung der einzig mögliche Überlebensweg. Wir wurden traumatisiert und wissen es nicht mehr.

 

Auch wenn das erlittene Trauma unserem Bewusstsein nicht mehr zugänglich ist: Das Trauma ist nach wie vor in uns und wird durch äußere Situationen immer wieder angerührt. Um den damit verbundenen, alten Schmerz nicht spüren zu müssen (weil er nicht aushaltbar ist!), haben wir eine ganze Reihe Schutzmechanismen (Überlebensstrategien) entwickelt, die dann sofort greifen. Bevor eine irgendwie überlegte und vernünftige Handlung erfolgen kann, haben wir emotional bereits re-agiert und sind dem Schmerz durch irgendwelche Ersatzhandlungen davongelaufen oder haben ihn betäubt.

 

Überleben statt leben

Die Überlebensmechanismen, die wir parallel zu unseren Traumatisierungen in dysfunktionaler Familie entwickeln sind unter anderem folgende:

  • Wir unterdrücken unsere wahren Gefühle – die schmerzvollen ebenso wie die angenehmen („es geht mir schlecht und ich habe es verdient…ich darf mich nicht freuen…“).
  • Wir werden überverantwortlich und kümmern uns um Eltern und Geschwister, damit es den anderen so gut geht, damit sie uns endlich lieben. („ich muss mich nur noch ein bisschen mehr anstrengen, dann gelingt es doch…) Das bleibt Illusion.
  • Wir nehmen die Bedürfnisse der anderen vorweg und erfüllen sie, um eben nicht mehr verlassen zu werden.
  • Wir sind flexibel und unterstützend für andere, während wir unsere eigenen Bedürfnisse verleugnen oder gar nicht wahrnehmen. Wir definieren uns über die Bedürfnisse bis hin zur Bedürftigkeit des anderen.
  • Wir werden zu Perfektionisten, um geliebt und nicht verlassen zu werden.
  • Wir isolieren uns und reden uns ein, niemanden zu brauchen.
  • Wir werden selbstgenügsam und bitten nicht um Hilfe
  • Wir leben in unseren Beziehungen in ständiger Wachsamkeit, ob es irgendein Missfallen im anderen uns gegenüber gibt.
  • Wir halten es kaum aus, wenn andere auf uns ärgerlich sind und neigen dazu, wieder „lieb Kind“ zu sein, damit es dem anderen gut geht. Wir versuchen Harmonie um jeden Preis wieder herzustellen und glauben, für die Gefühle des anderen verantwortlich zu sein.

Draus folgt, dass wir keinen Begriff davon haben, wer wir wirklich sind und was unsere Bedürfnisse sind, trotz unserer Erfolge und oft außergewöhnlichen Leistungen!


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