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Vom kindlichen Allmachtsbedürfnis und gesunder Abhängigkeit in der Führung

Ohne gesunde und liebevolle Unterstützung lernen wir als Kinder, keine Hilfe anzunehmen und uns auf uns selbst zu verlassen. In der Führung erweist sich dieser Überlebensmechanismus aus der Kindheit als behindernd und beeinträchtigend.

Zu Beginn eines Jahres schauen wir auf ein Jahrbuch mit vielen leeren Seiten, die sich erst füllen werden, und sind vielleicht beunruhigt, was das Jahr bringen wird. Wir machen uns vielleicht Gedanken über alles, was da vor uns liegt und auf uns zukommen wird, dass wir nicht kontrollieren können.

 

Für Erwachsene Kinder aus dysfunktionaler Familie ist es bedrohlich und verunsichernd, nicht an der Überzeugung festzuhalten, dass sich alles nach den eigenen Vorstellungen entwickeln müsse, wenn sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und niemand um Hilfe bitten. Dieser Wunsch erfüllt sich allerdings nie, weil das Leben so nicht funktioniert.

 

In einer Kindheit, in der wir von Eltern oder engen Bezugspersonen, besonders von unserer Mutter, nicht die Geborgenheit, Zuwendung, den Raum, die Aufmerksamkeit, das Wohlwollen und die Liebe bzw. Unterstützung erhalten haben, die wir benötigt hätten, haben wir schmerzvoll gelernt, dass es überlebenswichtig ist, uns auf uns selbst zu verlassen.

 

Erwachsene Kinder bitten nicht mehr um Hilfe

 

Wir haben gelernt, nicht um Hilfe zu bitten, weil sie uns meist nicht gewährt wurde, und weil diese Bitte oft als Schwäche oder Versagen gedeutet wurde. Wir haben nicht im Hilfe gebeten, weil wir gewusst haben, dass unsere Mutter bzw. unsere Eltern und Geschwister selbst hochgradig bedürftig und überfordert waren und in ihrem Überlebensmodus existiert haben.

 

Wir haben gelernt, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen und haben uns in unsere kleinkindliche, magische Welt zurückgezogen, in der wir idealisierte Heldenkräfte hatten und von anderen keine Hilfe benötigten. Wir sahen und erlebten uns in dieser kindlichen Entwicklungsphase selbst als allmächtig, unverwundbar und unbesiegbar - wie wir auch unsere Eltern als Götter erlebten - und diese Haltung begleitet uns später als Erwachsene, weil wir sie auch über diese Kindheitsphase hinaus in der feindlichen, schmerzvollen Beziehungsumgebung beibehalten mussten, um emotional zu überleben.

 

Daher bitten wir niemand um Hilfe, zeigen uns niemand gegenüber bedürftig oder verletzlich und halten felsenfest an der irrigen Überzeugung fest, dass wir alleine alles schaffen, perfekt machen könnten, und zum Guten beeinflussen könnten, wenn wir unser Leben selbst in die Hand nehmen.

 

Wir haben nie gelernt, uns in gesunder Weise von anderen abhängig zu machen, ihre Hilfe zu erbitten und anzunehmen. Wir konnten als Kinder nicht lernen, dass unsere Begrenzungen, unsere Fehler und unser Versagen zu unserem Leben als Mensch gehören, weil wir in diesen Erfahrungen nicht liebevoll unterstützt wurden. Wir haben nicht erfahren, dass Fehler ganz natürlich und gut sind, weil wir aus ihnen lernen können und uns daher weiterentwickeln können. Wir haben nie erfahren, dass Versagen und Verlieren zum Leben gehören können und dass wir dennoch liebenswert, geliebt und geborgen sind. Das sind zweifelsohne große Verluste unsers Lebens.

 

Allmachtsbedürfnisse in der Führung

Nachfolgend stelle ich dir einige Fragen, die dir dabei helfen können, etwaige unbewusste Verhaltensweisen oder Dynamiken zu erfassen:

  • Begleiten dich als UnternehmerIn, als Führungsverantwortlicher Allmachts-Bedürfnisse?
  • Hast du Sehnsucht danach, dich unbesiegbar und unverwundbar zu fühlen?
  • Ist es dir wichtig viel und genug Macht zu haben?
  • Sind dir Ansehen und Anerkennung von anderen - Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern, Kooperationspartnern etc. - sehr wichtig?
  • Ist es erst dann gut für dich, wenn du alleine nur hart genug arbeitest, viel genug lernst, gut genug kommunizierst, schnell genug Lösungen entwickelst, rasch genug verstehst und Gefahren abwendest?
  • Macht es dich müde und kostet es dich unangemessen viel Kraft, deine Verantwortung in der Führung wahrzunehmen?
  • Fühlst du dich isoliert und hast den Eindruck ein einsamer Kämpfer zu sein, der seine Sorgen und Lasten alleine zu tragen hat?
  • Hasst du es Fehler zu machen und zu versagen, weil sich das lebensbedrohlich anfühlt?
  • Erwartest du Perfektion von dir selbst um dich gut und sicher zu fühlen?
  • Erwartest du Perfektion von deinen Mitarbeitern?
  • Gibt es Mitarbeiter in deinem Team, die von dir unangemessen viel Anerkennung brauchen und die tödlich beleidigt sein können, sobald sie das Gefühl haben, deine Anerkennung nicht ausreichend zu erhalten?
  • Wie würdest du Anerkennung im Vergleich zu Liebe definieren?

Ich weiß, ich stelle hier Fragen, die deinem Überlebensmechanismus wahrscheinlich unangenehm sind. Dein gesundes Selbst freut sich allerdings sehr darüber und hofft auf ein Leben, indem es sich anvertrauen und Hilfe annehmen kann, was zu einer überaus großen Erleichterung führt.

 

Lernen Hilfe anzunehmen

Diese Verhaltensänderung gelingt nicht alleine. Wir lernen Hilfe anzunehmen, indem wir uns anderen anvertrauen und sie ehrlich wissen lassen, was unsere Bedürfnisse sind. Wir lernen Hilfe anzunehmen, indem wir um Hilfe bitten und bereits sind, sie anzunehmen, wenn sie uns gewährt wird. Wir lernen Hilfe anzunehmen, indem wir uns anderen öffnen trotz unserer anfänglichen Angst vor Verletzung und Ablehnung.

 

Dazu brauchen wir Menschen, die vertrauenswürdig sind und die wissen, was wir durchgemacht haben. Wir brauchen Menschen, die unseren Schmerz, unsere Einsamkeit, unseren Kummer und unser Leid aus der Kindheit verstehen und teilen. Wir brauchen Menschen, die aus dem Dunkel und dem inneren Gefängnis der dysfunktionalen Kindheitsprägungen heraus ins Licht und in die Freiheit liebevoller, gesunder Beziehungen gegangen sind.

 

Dieses Licht und diese Freiheit wünsche ich dir von Herzen.


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