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Die Mutter - Liebe unseres Lebens und mitunter unser größter Feind

Alkoholkranke oder anders dysfunktionale Familiensysteme bringen Mutter-Kind-Beziehungen hervor, die mit Schmerz, Verletzungen, Distanz oder Herzensbrüchen verbunden sind. Eine unserer ersten Aufgaben, wenn wir uns selbst lieben und UNSER Leben privat und beruflich erfüllt und erfolgreich leben wollen, ist, uns mit unserer Mutter zu versöhnen.

Dringend benötigte Illusionen über unsere Mutter

Wir mögen unsere Mutter in der dysfunktionalen oder alkoholkranken Familienstruktur idealisiert oder abgewertet haben. Wir mögen sie als starke, unfehlbare Heldin oder als schwaches, bedürftiges Opfer wahrgenommen haben. Die Täterrolle unserer Mutter nahmen wir nicht wahr, weil diese Überlegung für Babys und Kinder nicht existieren konnte.

 

Ganz sicher haben wir viele Glaubenssätze und Überzeugungen über unsere Mutter entwickelt, die uns dabei geholfen haben, mit dem Schmerz, der Ablehnung, dem Kummer, dem Herzensbruch oder dem Verlassen-Sein, dass wir durch unsere Mutter erfahren haben, umzugehen. Wir brauchten unsere Illusionen für alles, was für unseren Geist und unsere Kinderseele zu viel war um unsere Kindheit emotional zu überleben.

 

Um uns mit unserer Mutter aussöhnen zu können und schließlich mit ihr im Frieden zu sein, ist es unabdingbar, die Realität unserer Kindheit zu anzuerkennen, anzunehmen und zu verarbeiten. Heute als Erwachsene ist uns das möglich. Damals als Kinder war es viel zu viel für uns, diese Gefühle zu verarbeiten, sodass wir sie verleugnet oder abgespalten haben.

 

Die Schuldfrage

Wenn wir uns mit unserer Mutter aussöhnen wollen, hat es keinen Sinn, die Schuldfrage zu bedienen. Aus der Psychologie wissen wir, dass verletzte Menschen unbewusst ihre Verletzungen weitergeben – in erster Linie an ihre Kinder. Ein alkoholkrankes oder anders dysfunktionales Familiensystem bringt Menschen hervor, die traumatisiert sind und voller Angst, Anspannung und innere Schmerzen ihr hartes Leben zu leben versuchen. Unsere Eltern geben weiter, was sie selbst durch ihre Eltern erfahren und gelernt haben.

 

Unbewusst und durch Überforderung werden gerade den abhängigsten, verletzlichsten und bedürftigsten des Systems – den Kindern – emotionale Verletzungen, tiefer Kummer, lebensbedrohliche Verlassenheit und ein manchmal auch ein so gefühltes überwältigendes Grauen zugefügt.

 

Den Eltern, der Mutter, den Geschwistern die Schuld dafür zu geben hält uns in unserem Opferdasein gefangen, lässt uns in destruktives Selbstmitleid versinken und in unechten Gefühlen baden, die keine Erleichterung oder Heilung bringen. UNSERE ELTERN SIND NICHT DARAN SCHULD. Allerdings sind unsere Eltern dafür VERANTWORTLICH, was sie uns als Kindern angetan haben. SIE WAREN DIE GROSSEN UND WIR ALS KINDER DIE KLEINEN.

 

Uns selbst die Schuld dafür zu geben trägt nur dazu bei, unseren inneren Richter zu füttern, der uns dieselben Lügen über uns und unseren Wert erzählt, den wir durch unsere Eltern erfahren haben. WIR SIND NICHT DARAN SCHULD.

 

Als Erwachsene sind wir aber für unser Leben, unser Glück, unsere Genesung VERANTWORTLICH. WIR TRAGEN DIE VERANTWORTUNG FÜR UNSERE INNERE HEILUNG. Weder der Partner noch ein Elternteil oder ein Freund oder Therapeut sind für meine Heilung verantwortlich. Nur mit meiner Bereitschaft und meiner Selbstverantwortung heilen zu wollen, werde ich heilen.

 

Verantwortung für meine innere Heilung

Wenn ich wirklich bereit bin, alles für mich zu tun, um mich mit meiner Mutter auszusöhnen, dann übernehme ich die Verantwortung für alles, was ich heute fühle und nicht fühle, tue und nicht tue, denke und nicht denke, sage und nicht sage.

 

Sehr wichtig ist in dem Zusammenhang auch, dass wir unterscheiden lernen, was in der Verantwortung der Mutter lag (und liegt) und was in meiner Verantwortung (lag) und liegt. Viele Erwachsene Kinder konnten diese Einsichten und dieses Unterscheidungsvermögen nicht entwickeln, weil sie ihr Selbst nicht von dem der Mutter trennen konnten.

 

Diese Trennung vom Gefühlsleben, vom System, von der Persönlichkeit, vom Selbst der Mutter geschieht in gesunden, liebevollen Beziehungen zwischen Mutter und Kind, nachdem das Kind etwa eineinhalb Jahre alt ist und ist mit einem Alter von drei Jahren in etwa abgeschlossen. Das Kind entwickelt seine eigene Meinung und lernt mehr und mehr, wo und wie es sich von der Mutter unterscheidet, wo es sich zuvor wie eins mit ihr erlebte.

 

In Mutter-Kind-Beziehungen, in denen die Mutter ihr Kind nicht liebevoll spiegeln, einfühlsam wahrnehmen und bedingungslos annehmen kann, verstrickt sich das Kind schnell mit den Gefühlen der Mutter. Es lernt nach den ersten eineinhalb Lebensjahren nicht, sich als ein eigenständiges Selbst zu erkennen, das vom Selbst der Mutter getrennt lebt, weil das eigene Überleben davon abhängt, die Gefühle und Bedürfnisse der Mutter wahrzunehmen und positiv zu beeinflussen. Sie werden zur Mutter ihrer Mutter und versuchen sie zu retten, für sie da zu sein, um selbst zu überleben.

 

In dieser kranken Beziehung, wo das Kind nicht in seiner Eigenständigkeit geliebt wird, stand die Möglichkeit, zu wahrer Selbstliebe zu finden, nicht zur Verfügung. Viele Erwachsene Kinder mussten als kleine Kinder zur Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Mutter (oder anderer Bezugspersonen) herhalten und sind bis heute damit beschäftigt, sich um andere Menschen zu sorgen und überverantwortlich deren Probleme lösen zu wollen, übersehen aber völlig ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse.

 

Deshalb ist es grundlegend wichtig, unterscheiden zu lernen, was in der eigenen Verantwortung liegt und was nicht.

 

Ein Gebet, dass von Erwachsenen Kindern in den Selbsthilfegruppen von ACA (Adult Children of Alcoholics/Dysfunctional Families) gemeinsam gesprochen wird lautet daher:

 

Gott, gebe mir die Gelassenheit, die Menschen zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann,

den Mut, denjenigen zu ändern, den ich ändern kann,

und die Weisheit zu erkennen, dass ich derjenige bin.

 

Vergebung heilt alles

Zur Aussöhnung mit unserer Mutter gehört unsere Vergebung.

 

Vergeben wir nicht, lasten die alten, dunklen Erlebnisse und Gefühle weiterhin auf unserer Seele und wir sind nicht frei, unser Leben wirklich zu leben. Genauer gesagt ist dadurch ein Teil unserer Lebensenergie gebunden, die uns fehlt, unseren Weg zu gehen und unser Leben beruflich und privat erfüllt und erfolgreich zu leben. Wir überleben, leben aber nicht.

 

Erst mit unserer aufrichtigen Vergebung aus tiefstem Herzen sind wir frei von der Vergangenheit und frei alles Gute, Liebevolle und Schöne – das wir auch durch unsere Mutter erfahren haben – anzunehmen und zu würdigen.

 

Erst mit unserer Vergebung haben wir alle Lektionen gelernt, alle Geschenke angenommen, die unsere leidvollen Erfahrungen mit sich brachten. Erst dann können wir vollinhaltlich dankbar erkennen, dass wir heute der wundervolle und gereifte Mensch sind, der wir sind, weil wir diese Erfahrungen gemacht UND BEWÄLTIGT haben.

 

Der Mutter vergeben

Unsere Vergebung unserer Mutter gegenüber ist eines der größten Geschenke, dass wir uns in unserem Leben machen können.

 

Dazu ist es sehr wichtig zu wissen, dass wir erst dann vergeben können, wenn wir alle unsere Schmerzen, unsere Trauer, unsere Verluste, unseren Kummer, unseren Herzensbruch etc., die wir durch unsere Mutter erfahren haben, durchgefühlt haben und loslassen konnten. Erst, wenn wir keine verleugneten, abgespaltenen Gefühle mehr in uns tragen, sind wir frei zu vergeben.

 

Dann braucht es meist keine bewusste Willensentscheidung der Vergebung mehr, denn dann haben wir unsere innere Freiheit bereits erlangt. Dieser Prozess bringt bittersüße Schmerzen mit sich, ist überaus befreiend und tief-heilsam. Dieser Vorgang der eigenen Herzöffnung und eines erneuten Lebens in Verbindung mit unseren Gefühlen dauert Jahre. Es braucht Jahre der Selbsterfahrung, der Genesungsarbeit und der heilsamen Erkenntnisse, bis dieser große Schmerz, den wir als Kinder in dysfunktionaler oder alkoholkranker Familie erfahren haben, abgebaut, verdaut, angenommen und losgelassen ist.

 

Sei also sanft und geduldig mit dir und gehe diesen Weg mit gleichgesinnten Menschen, Begleitern, Therapeuten und Freunden, die ähnliches erlebt haben, wie du. Eine wundervolle grundlegende Möglichkeit, die Isolation zu verlassen und sich Gleichgesinnten anzuvertrauen, sind die Selbsthilfegruppe-Meetings von ACA (Adult Children of Alcoholics/Dysfunktional Families). http://www.adultchildren.org/

 

Wollen wir vergeben, ohne davor unsere schmerzlichen Gefühle verarbeitet haben, empfindet unser Inneres das als Verrat an uns selbst. Zuerst ist es wichtig zu wüten, zu hassen, zu trauern, zu schmerzen, zu toben, zu schreien um dadurch zu heilen. Danach ist wirkliche Vergebung möglich.

 

In den ersten Jahren meiner Genesungs- und Versöhnungsarbeit hat es mich immer wieder frustriert und geängstigt, warum ich nicht einfach verzeihen kann und das Dunkle, den Schmerz in mir damit nicht mehr spüren muss. Mit der Zeit habe ich gelernt geduldig mit mir zu sein und zu akzeptieren, dass mein Schmerz so groß ist, dass er sich nur in Scheiben, in Schichten abtragen lässt. Von Tag zu Tag wurde es leichter. Von Woche zu Woche waren weniger Wut, Hass und Groll in mir. Von Prozess zu Prozess, von Heilung zu Heilung wurde es für mich einfacher, offen, vertrauensvoll und ruhig an meine Mutter zu denken und ihr mit Respekt, gesunden Grenzen und Gelassenheit zu begegnen.

 

Eine immer hilfreiche Handlung am Weg der Vergebung ist, für die Menschen zu beten und die zu segnen, denen wir verzeihen wollen. Für manche Menschen in meinem Leben habe ich jahrelang gebetet, bis meine Gefühle durch waren und mein Herz wieder frei war, weil es vergeben hatte.

 

Mir selbst vergeben

Die Vergebung und Aussöhnung mit meiner Mutter ist aber nicht damit getan, dass ich ihr vergeben habe. Sie ist dann ganz und friedvoll, wenn ich auch mir selbst vergeben habe.

 

Wir sind davon überzeugt, viel Vergebung zu benötigen, weil wir uns für so viel schuldig fühlen. Als Erwachsene Kinder fühlen wir uns ständig schuldig, egal ob wir einen Fehler begangen hatten oder nicht. Wir haben als Co-Abhängige einen umfassenden Schuldkomplex entwickelt, weil uns von den Erwachsenen ständig eingeredet wurde, wir seien schuld daran, dass uns und den anderen in der Familie so viele schlimme Dinge geschehen. Vor allem der bzw. die Alkoholikerin (oder anders Suchtkranke) perfektionieren es, ihre Familienmitglieder damit zu manipulieren und von ihren eigenen Schuldgefühlen abzulenken.

 

Auch ist es uns als Kinder während unserer Entwicklung nicht anders möglich, als alles auf uns zu beziehen, was um uns geschieht. Wir empfinden uns in unserem natürlichen, gesunden Narzissmus als Babys als das Zentrum der Welt und sehnen uns nach Zuwendung, Zärtlichkeit, Wärme, Liebe, Geborgenheit und Sicherheit. Werden uns diese vorenthalten oder erfahren wir Ablehnung oder Entwertung für unsere kindlichen Bedürfnisse, können wir nicht anders, als diese Kälte und Ablehnung auf uns zu beziehen. Wir sind davon überzeugt, dass es an uns liegt und können nicht erfassen, dass das ausschließlich etwas mit der Unfähigkeit unserer Mutter oder der anderen erwachsenen Bezugspersonen zu tun hat. Wir fühlen uns zutiefst schuldig.

 

Dieses automatische und generelle Schuldgefühl entwickelt sich zu einem Komplex. Jemand verletzt uns, wertet uns ab, macht uns zum Opfer, verrät oder verleumdet uns UND WIR FÜHLEN UNS SCHULDIG. Co-Abhängige Erwachsene Kinder tragen an riesigen Schuldlasten, die gar nicht ihre sind.

 

Andererseits haben wir Erwachsene Kinder keinen Begriff davon, was unser späteres Verhalten uns selbst und anderen gegenüber an Verletzungen und unbewussten Schuldgefühlen hervorbringt. Diese inneren Schuldenlasten, die wir selbst erzeugen, bringen Selbstabwertung, Selbstbeschränkung oder sogar Selbstzerstörung hervor. Das Drama für Erwachsene Kinder ist, dass wir das, was unsere Eltern und zugefügt haben uns später selbst zufügen, weil wir es so gelernt haben.

 

Hier ist es wichtig unterscheiden zu lernen: was ist deins und was ist meins. Sobald ich das klar habe, kann ich mich damit auseinandersetzen, welche Fehler ich mir selbst gegenüber gemacht habe und wofür ich mir daher selbst vergeben sollte. Von diesem ehrlichen Blick in unseren Spiegel, von dieser aufrichtigen Frage: „Wer bin ich wirklich“ hängt meine Heilung ab.

 

Nachfolgend findest du eine Liste von möglichen vergebungswürdigen Verhaltensweisen und Taten. Ich vergebe mir aus tiefstem Herzen:

  • dass ich mich selbst verlassen habe
  • dass ich nicht zu mir gestanden bin
  • dass ich nicht auf meine innere Stimme gehört habe
  • dass ich nicht danach gehandelt habe, wenn ich meine innere Stimme gehört habe
  • dass ich meine Versprechen mir selbst gegenüber nicht eingehalten habe
  • dass ich in unterschiedlichen Situationen nicht „nein“ gesagt habe, als ich „nein“ gemeint habe
  • dass ich in unterschiedlichen Situationen nicht „ja“ gesagt habe, als ich „ja“ gemeint habe
  • dass ich mich verurteilt habe

Klingt diese Liste in deinem Inneren an? Wenn ja, dann lade ich dich ein, dir die Zeit zu nehmen, in die Stille zu gehen und zu fühlen, was diese Aussagen in deinem Herzen bewegen.

 

Vergebung ist eine hohe Kunst im Leben und eines der größten Geschenke, die wir uns und den Menschen in unserem Leben machen können. Unsere Eltern sind die „ersten Menschen“ in unserem Leben. Ohne sie gäbe es uns nicht. Umso wichtiger, die Vergebung bei unseren Eltern beginnen zu lassen. Unsere Mutter ist die erste, weil sie uns getragen und geboren hat und wir dadurch diese besondere Verbindung zu ihr haben. Sind wir mit ihr versöhnt, haben wir uns einen großen Teil des Geschenks der eigenen Freiheit, des inneren Friedens und der Verbundenheit gemacht.


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